Schnelles Geld mit schnellen OPs
Dienstag, 23.10.2018, 13:56
Seit 20 Jahren arbeite ich als
Krankenschwester. Ich liebe meinen Beruf. Trotzdem habe ich Ende letzten Jahres
gekündigt.
Ich wollte nicht länger Mittäterin sein.
Denn das war ich:
Mittäterin.
Ich habe dabei mitgeholfen,
multiresistente Keime zu verbreiten. Keime, die Menschen umbringen.
Über kurz
oder lang werden uns nämlich die Antibiotika ausgehen, die diese Keime
bekämpfen könnten.
Kinder werden an Mittelohrentzündungen sterben.
Erwachsene
nach Wurzelbehandlungen.
Weil wir den Ernst der Lage nicht erkennen. Weil
Kliniken kaputtgespart werden.
Ich bin seit mehreren Jahren in
einem großen Hamburger Krankenhaus angestellt.
Was ich dort beobachtet habe,
ist teilweise so unglaublich, dass man mir verboten hat, nach meiner Kündigung darüber zu sprechen.
Es geht um multiresistente Keime
– also Bakterien, die mit Antibiotika nicht mehr bekämpft werden können.
Viele Menschen können diese Keime in
sich tragen: zum Beispiel Bewohner von Altenheimen, Pflegekräfte und Menschen,
die einen längeren Krankenhausaufenthalt hinter sich haben.
Sie alle sind
sogenannte Risiko-Patienten.
Schnelles Geld mit schnellen OPs
Wenn solche Patienten bei uns
eingeliefert werden, müssen wir zunächst verpflichtend einen Abstrich
durchführen, um zu überprüfen, ob und welche resistenten Keime sie tatsächlich
in sich tragen.
Bis das Ergebnis dieses Abstrichs da ist, vergehen in der Regel
mehrere Stunden. Das ist normal.
Eigentlich müssten wir
Risiko-Patienten nach dem Abstrich vorsichtshalber so lange als infizierte
Patienten behandeln und isolieren, bis das Ergebnis vorliegt.
Doch stattdessen
schieben wir sie direkt in den OP.
Je mehr Patienten wir nämlich in noch
kürzerer Zeit operiert bekommen, desto mehr Geld verdient das Krankenhaus.
Obwohl wir also nicht wissen, ob ein
Patient multiresistente Keime in sich trägt oder nicht, operieren wir ihn ganz
normal wie jeden anderen Patienten.
Dabei müssten wir eigentlich ganz spezielle
Schutzvorkehrungen treffen: Um uns und andere Patienten vor multiresistenten Keimen
zu schützen, legen wir normalerweise eine Ganzkörper-Schutzkleidung an: Kittel,
Haube, Mundschutz, etc.
Sobald wir das Zimmer oder den
OP-Saal mit infizierten Patienten verlassen, muss die Schutzkleidung ausgezogen
und entsorgt werden. Auch Beatmungsschläuche und Ähnliches müssen weggeworfen
beziehungsweise ersetzt werden. Wir müssen sämtliche Kommoden ausräumen und
reinigen, alle Gerätschaften aufwendig sterilisieren.
Herkömmliche Desinfektion nicht
immer ausreichend
Eine herkömmliche Desinfektion ist
nach den Hygiene-Vorschriften bei Patienten mit multiresistenten Keimen nämlich
nicht ausreichend.
Außerdem dürfen solche Patienten normalerweise nach der
Operation nicht in den regulären Aufwachraum gebracht werden –
Ansteckungsgefahr!
Stattdessen muss ein Pfleger noch im OP-Saal beim Patienten
bleiben, bis er aufgewacht ist.
Danach bekommt er ein Einzelzimmer.
Eigentlich!
Denn in der Realität hat eine
Anästhesieschwester bei uns nicht einmal die Zeit, sich vorschriftsmäßig die
Hände zu desinfizieren, da sie zum Beispiel im Spätdienst bis zu vier (!)
OP-Säle betreuen muss.
Eine einzige!
Keine von uns hat Zeit, bei Patienten sitzen zu bleiben, bis sie aufwachen – das bindet ja viel zu viel Personal.
Keine von uns hat Zeit, bei Patienten sitzen zu bleiben, bis sie aufwachen – das bindet ja viel zu viel Personal.
Und
das Krankenhaus kann und will es sich nicht leisten, einen OP-Saal so lange
belegt zu lassen. Also schieben wir die Patienten nach der OP in den
Aufwachraum zu anderen frisch operierten Patienten – und dann vom Aufwachraum
in ein Doppelzimmer.
Noch einmal: Ohne, dass wir wissen, ob der Patient
multiresistente Keime in sich trägt oder nicht.
Wir nehmen also in Kauf, dass sich
diese Keime weiter verbreiten. Oder besser gesagt: Wir helfen aktiv dabei mit.
Keime haften überall
Denn wenn der OP nach der Behandlung
eines multiresistenten Patienten nicht speziell, sondern nur „normal“ gereinigt
wird, ist es wahrscheinlich, dass der nächste dort operierte Patient sich
ebenfalls mit diesen Keimen ansteckt.
Das gleiche Risiko besteht, wenn sich
Patienten im selben Zimmer Sanitäranlagen, Lichtschalter, Türklinken teilen.
Solche Keime sind nämlich hochaggressiv und lassen sich durch herkömmliche
Desinfektion nicht abtöten.
Sie haften überall: An der Kleidung,
an den Haaren, an der Haut, an den Wänden, an Gegenständen. Wenn man Pech hat
und der Keim dringt zum Beispiel über offene Stellen oder Schleimhäute in den
Körper ein, dann kann man nur hoffen, dass das eigene Immunsystem ihn bekämpfen
kann.
Wenn nicht, ist es ein Glücksspiel: Findet man noch ein Medikament, das
den Keim abtötet?
Patienten werden noch schwerer krank
Was mich an der ganzen Sache am
meisten wütend macht: Statt die Patienten bei uns im Krankenhaus gesund zu
machen, machen wir sie in vielen Fällen noch schwerer krank!
Und zwar deshalb,
weil die Klinik die Pflege und Versorgung der Menschen kaputt spart.
Es geht
nur noch um Profit, nicht mehr darum, die bestmögliche Versorgung zu liefern.
Natürlich muss auch ein Krankenhaus wirtschaftlich arbeiten – aber das darf
eben nicht zu Lasten der Patienten gehen!
Ich schreibe das alles hier auf,
weil ich möchte, dass die Menschen in Hamburg verstehen, wie extrem gefährlich die Situation für
jeden von uns ist.
Wir müssen sofort handeln.
Wir brauchen mehr Geld für
Pfleger und Krankenschwestern, für Ausrüstung und Räumlichkeiten.
Wir müssen
weg von Quantität und zurück zu Qualität.
Wir müssen anfangen, multiresistente
Keime wieder als das zu behandeln, was sie sind: tödlich!
Denn das, worüber ich
hier schreibe, ist kein lebensfremdes Szenario.
Es ist real.
Und es betrifft
uns alle: Alte und Junge, Hausfrauen und Familienväter, Manager und
Schornsteinfeger, Arm und Reich.
Alle.
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